Teil 1: Der große Zerrspiegel der Realität!Ein Knopfdruck!
Mehr kostet es den Bürger der Neuzeit nicht,
aus der Tristess normativer Konventionen zu entfliehen?!?
Ein Knopfdruck setzt ihn in Gang,
den großen Traumprojektor des modernen Lebens!
Ein großer Poet, ein Dichter, und Schriftsteller, ein Rockstar...
alles zusammen;
An einem Tag in einer Stunde!
Die geheimsten Träume schreiben wir in den Space!
Ein Heiliger, ein Rebell, ein Wahnsinniger...
Beliebig in Zeiten des Netzes!
Und doch wieder nicht!
Sorgfältig feilen wir an Profilen und Erscheinung, Geschichten und Verläufen.
Registrieren noch die kleinste Veränderung!
Interpretieren geheime Bedeutungen zwischen die banalsten Zeilen unserer Komentatoren.
Fehlinterpretieren, Selektieren, lassen gelten was dem Reflex unserer Traumgestalt entspricht.
Was bleibt ist eine unscharfe Karikatur: Mit ganz dicken Pinseln bunt überzeichnet!
Alter Traum in neuen Kleidern;
Angenommen sein und Bewundert, als Metapher für Liebe.
Liebe als Schlüssel zur Unsterblichkeit unserer Seele.
Als finalen Ausgang unseren Handelns.
Ein Pol in dem alles zur Ruhe kommt.
Wissen in allen Facetten, wichtiges und unwichtiges, gleichbedeutend nebeneinander.
Kleines erscheint größer, großes erscheint kleiner.
Der große Zerrspiegel der Realität.
Fakten in solch unübersichtlicher Flut zu Türmen und Trutzburgen gehäuft das sie schon wieder bedeutungslos sind.
Eine grandiose Symphonie leerer Worte, zu Dogmen verdichtet und zu Mythen verklärt!
Teil 2: Die Versuchung des NetzwerkesGebannt starren wir auf Zahlen, verfolgen Statistiken,
bemessen uns an Fakten die sich aus mathematischen Strukturen ergeben.
Freundschaft kennt ein Maß, Liebe und Zuneigung ebenfalls!
Erfolg und Anerkennung, quantisiert zu Einheiten und Verhältnissmäßigkeiten.
Aufrufe und Kommentare, Abonnenten und Daumen, Freunde und Bedeutung der Freund.
Wie wird man wahrgenommen?!?
Wie ist das Ranging?!?
Ist es zu schlecht? Bin ich ein Verlierer?
Ist es zu gut? Neidet man es mir?
Wie stehen andere? Wie ist ihre Zahl?
Zahlen sind unendlich, jede von ihnen!
Keine erfüllt, alle reißen ein Vakuum!
Messbarer Erfolg?
Er erfüllt kurz, ihm folgt die Leere und der Wunsch ihn zu übertreffen!
Jedes Maß überholt sich, jede Einheit will überrundet sein!
Ein paar Klicks mehr, ein paar mehr Freunde.
Immer sind wir nur kurz davon entfernt perfekt zu sein!
Ein paar nette Kommentare;
es zählt nicht so sehr was dahintersteht, sondern wie es aussieht.
Das Profil als Persönlichkeitsentfaltung und doch nie so vollkommen das es uns ganz entspricht.
Ein Wagon voller Worte,
doch Worte sind begrenzt und unvollkommen.
Nie geben sie das gedachte völlig wieder.
Immer sind sie weiche Skizzen, schemenhafte Darstellungen, blumige Metaphern.
Immer versuchen wir es besser zu beschreiben;
Wille und Vorstellung, das Universum in unseren Köpfen,
die kleine Welt unseres Lebens.
Alles transferieren wir, digitalisieren und bemessen es!
Nichts erscheint zu abstrakt als das wir es nicht im virtuellen Zerrspiegel lesen wollen!
Sozial und Liebesleben, Träume und Emotionen, alles findet seinen Wiederhall.
Alles entwickelt eine gewisse, schräge Eigenresonanz in den feinen Membranen der sozialen Netzwerke.
Wir denken; "Wir kontrollieren es"
Doch: Es kontrolliert uns!
Teil 3:Die digitale Ewigkeit einst! Einen Knopfdruck entfern spielt sie, die große Geschichte der kleinen Worte.
Mit glühender Feder geschrieben, mit flammenden Herzen geglaubt.
Auf Wunsch bald in Suround und 3D.
Entrückung als Folge von Zugang und Bandbreite.
Träumen in Bytes pro Sekunde.
Nur technische Hürden scheinen uns zu trennen,
von der Vollkommenheit:
Trafik und dieser Knopf
Doch wer will schon abschalten?
Wer muss abschalten und warum?
Im Zugang verbirgt sich Wahrheit,
keine echte, aber laut genug das sie manchem als wahrhaftig vorkommt.
Laut genug, das viele in ihm das Ende der Geschichte sehen.
Das virtuelle Paradies, menschengeschaffenes Heim der Seelen.
Der lebenden und der Toten.
So beständig, das es uns selbst überdauert.
Als Krone unseres Gestaltungswillens soll es von unserer goldenen Herrschaft künden!
Wenn alles weltliche längst überdauert und verflogen ist.
Eine grandiose Zeitschleife nie endender Gegenwart, im Strudel der Vergänglichkeit.
Einst verwaltet von den Maschinen und Robotern,
die wir schufen und lehrten.
Letze Hommage der Computer an ihre Schöpfer.
Das Netz, die Religion der Maschinenwesen.
Dezentrales, expandierendes, neuronales Netzwerk,.
Eigenständiges Lebewesen in einer neudefinierten Evolutionsstufe des Lebens.
Nichts soll es vergessen, noch das kleinste bleibt erhalten und überdauert.
Die Ewigkeit als Nachhall von Milliarden und abermilliarden Knopfdrücken.
Teil 4: Die unmittelbare ZukunftDas Netz bekommt Augen, die innere Welt stülpt sich der äußeren über.
Der Zerrspiegel beobachtet die Beobachter.
Die Realität wird selber verzerrt,
durch das Übermaß ungefilterter Informationen mit denen die große Gottesmaschine ständig um sich wirft.
Informationen jeder Art und jeder Natur,
geordnet nach Beliebtheit und Präsenz des Urhebers.
Nicht nach Gehalt und Glaubwürdigkeit, es gibt kein Ranging.
Informationen sind dem Netz alle gleich wertvoll, keine soll je verloren gehen.
Der Überfluss der Informationen beugt unsere Sicht fürs wesentliche, den im Gegensatz zu uns hatten die Maschinen nie eine „selektive Sicht der Dinge“ lediglich eine „Hierarchische“.
Das Netz wird portabler, eine omnipräsente Eingabemaske für jedermann.
Die äußere Welt wird „klickbar“ Objekte werden zu Koordinaten im Gesamtsystem.
Materie und Mensch, alles ist jederzeit abrufbar für jedermann;
der neue Nachbar, der Gegenüber in der Straßenbahn, die Augen des großen Gottes sind bald überall, wissen alles über jeden sofort.
Eine neue Idee von Sozialem Netz etabliert sich, wir betrachten die Realität durch die Matrix und die Bewertungsmaßstäbe der Informationsschleuder, sie dient als Entscheidungshilfe, als Gedankenstütze, als Gedächtnis der Masse.
Das neue wird nicht mehr erforscht sondern abgerufen.
Die Welt wird nicht entdeckt sondern „gegoogelt“
Wissen und Allgemeinbildung, nichts muss sich der normalsterbliche mehr aneignen.
Debatten werden mit Coppy&past geführt, die Diskussionskultur erfindet sich im Mesenger neu.
Sie standardisiert sich.
Wir verlieren den Blick fürs wesentliche, reduzieren auf Daten und Fakten.
Wir verwechseln Informationen mit eigener Meinung, Fakten mit Scharfsinn.
Wir kombinieren nichts mehr, leiten nicht von erlerntem ab;
Wir halten das Auge des Netzes über Waren und Dinge, einfach alles und erhalten Informationen mit denen wir nichts anfangen können.
Dennoch nehmen wir sie als gegeben hin und hinterfragen nichts.
Der ungebremste Fluss an Informationen auf Menschen die Informationshörig sind;
Willkürliche Diktatur der absoluten Norm.
Voreingenommenheit wird selbstverständlich.
So selbstverständlich, wie Schamlosigkeit wie die Distanzlosigkeit, bedingt durch Anonymität bereits selbstverständlich sind.
Jeder bleibt auf die Informationen reduziert, die das Netz bereithält.
Die Vergangenheit stülpt sich über die Gegenwart, formt einen neuen Ereignishorizont;
Die ständige Gegenwart.
Das Netz kennt keine lineare Zeit, die Allgegenwart von Informationen und Ereignissen,
formt die vertikale Zeit des virtuellen Raumes.
Alles pasiert gleichzeitig, vergangenes bleibt unlöschbar präsent, zukünftiges untrennbar mit ihm verbunden.
Die Faktoren Zeit und Raum sind aufgerollt zum 0 Dimensionalen Gefüge des Netzes.
Cloud Prozessing ist das Wort der Stunde. Dynamische Auslagerung von Speicherinhalten und Rechenkapazität machen das Netz zu einem schwarzen Informationsloch.
Jeder Quadrantzentiemeter ist erfasst und digitalisiert.
Verknüpfung von dezentralen Informationen zu Informationswolken zentral abrufbar über intelligente Suchmaschinen die uns besser kennen als wir selber.
Reflektor unserer Wünsche und Absichten, manifestiert in Links und Werbung.
Nicht subtil aber wirksam, auf jeden Fall aber ergiebig.
Die innere Schachtel wird zur äußeren, für jeden offensichtlich.
Das Web ist unmittelbarer als die Realität außerhalb, weil es mehr über sie weiß als der einzelne.
Texte aus Richard Sturms Zyklus "Die Gottesmaschiene 2009-2010"